Thursday, January 20, 2011

Das Geschenk

Yonoussi sitzt im Bus Nr. 32 und wiegt seinen Kopf hin und her. Es ist 20.47 Uhr, heute hat der Bus eine Minute Verspätung. Yonoussi sitzt auf seinem Sitz, rechts neben der Türe, am Fenster.

Manchmal, sagt Athra, ist mein Yussi irgendwie nicht da, verstehen Sie?

Yonoussi sitzt im Bus Nr. 32, von der Kernstrasse zur Rotbuchstrasse, die Fahrt dauert exakt 8 Minuten. 20.46 Uhr. Jeden Abend sitzt er in diesem einen Bus, es hat nicht viele Leute um diese Zeit. Yonoussi braucht seinen Sitz, rechts neben der Türe, am Fenster. Er wird nervös, wenn der Sitz besetzt ist.

Yonoussi trägt eine hellblaue Trainerjacke mit weissen Streifen, blaue Jeans, weisse Turnschuhe. Er ist ein erwachsener Mann, wie alt, weiss er nicht. Es ist ihm auch nicht wichtig. Damals, als das Böse vom Himmel fiel und Yonoussi rannte, so schnell er konnte, da war das Leben wichtiger als die Geburt.

Das Böse ist ein dunkler Fleck in seinem Kopf. Manchmal überfällt ihn ein Bild der Erinnerung, ein Klang, der selbst so schwarz ist wie die Augen seiner Nachbarin, die er damals anstarrte. Nachbarin Maiza schrie markerschütternd, wie ein verendendes Tier. In der Nacht hört er diese Laute wieder, oder bei der Arbeit. Die Schreie und die Sirenen. Das hört Yonoussi manchmal noch heute und dann fürchtet er sich, versteckt den Kopf in den Händen und summt, so laut er kann.

Manchmal, sagt Athra, kann sich mein Yussi nicht hören, verstehen Sie?

Yonoussi kümmert sich nicht um die Menschen in der Stadt, es sind graue Geister, unwichtige Gestalten. Yonoussi wiegt sich hin und her, es beruhigt ihn, er pendelt die Angst weg. Manchmal stellt er sich vor, er sei ein Metronom und nichts bringt ihn aus der Ruhe. Tick. Tack. Tick. Tack. Yonoussi mag Busfahren, es beruhigt ihn. Acht Minuten fährt er und Yonoussi blickt hinaus und zuhause wartet Athra.

Yonoussi erinnert sich an den Moment, an dem er Athra das erste Mal gesehen hat. Sein Vater schickte ihn auf den Markt, das erste Mal alleine. Vater, ein bärtiger, mächtiger Mann. Wenn er, der kleine Yonoussi, zu ihm hochblickte, sah er nur einen buschigen weissen Bart und hörte Vaters Stimme in den Ohren donnern. Und als Yonoussi auf den Markt sollte, Kichererbsen für den Āsch-e Mast holen sollte, blieb er an einem Stand stehen. Eine dicke Frau stand dort, wedelte die Fliegen weg. Daneben sass Athra auf einem kleinen Schemel und lächelte ihn an. Yonoussi klopfte sich Staub von den Hosen, sah in ihr Gesicht, betrachtete ihr schwarzes Haar, das widerspenstig vom Kopf stand, struppig, noch nicht gebändigt von einem Kopftuch und lächelte. Aber er traute sich nicht, etwas zu sagen.

Manchmal, sagt Athra, hat mein Yussi Angst vor sich selbst, verstehen Sie?

Yonoussi sieht die Kurve beim Limmatplatz. Er sieht das Tram Nr. 4 von der rechten Seite kommen. Der Bus Nr. 32 stoppt. Das Tram Nr. 4 fährt durch. Alles ist gut. Aber weiter vorne in der Kurve steht ein Polizeiauto. Und Menschen. Viel zu viele Menschen. Und ein Auto, merkwürdig eingedrückt, steht auch da und die Menschen halten einen merkwürdigen Abstand davon, als hätten sie Angst davor und Blaulicht flackert still von den Wänden. Yussi wird unruhig. Der Bus kommt doch am kaputten Auto vorbei?

Yonoussi hört die Sirenen. Kein gutes Zeichen. Er will nie mehr im Leben Sirenen hören. Für Yonoussi sind es Dämonen, die schreien und heulen und eine Decke der Angst über eine Stadt legen. Damals, als das Böse kam und er rannte, so schnell er konnte, da hörten die Sirenen plötzlich auf. Er stand am Rande des Dorfes, neben ihm eine Weide, einige Sträucher, Sand und Steine. Kein Haus stand mehr. Und als er zurückkehrte zu seinem Haus, zum Haus seines Vaters, stand es nicht mehr. Und er stand verloren davor, hörte Wimmern, aber keine Sirenen mehr und wusste nicht, wohin.

Manchmal, sagt Athra, braucht mein Yussi jemanden, der ihn führt, verstehen Sie?

Yonoussi schaut auf die Uhr, als der Bus Nr. 32 um 20.53 Uhr an der Haltestelle Limmatplatz anhält. Alle Leute glotzen, alle drehen den Kopf. Yonoussi wird wütend. Der Bus darf keine Verspätung haben. Er mag das ganz und gar nicht. Heute hat er für Athra ein Geschenk dabei. Es ist in einer Plastiktüte unter dem Sitz, doch den Griff lässt er nicht los, obwohl es sich in seine Hand schneidet. Athra mag Katzen, und Yonoussi hat in der Werkstatt eine Katze geschnitzt, zwei Wochen hat er daran gehabt.

Denn, so sagte Athra kürzlich und ganz komisch gelächelt, sie habe ein Geschenk für ihn. Ein ganz besonderes. Und Yonoussi wurde ganz aufgeregt. Was es wohl sein mag? Das Geld für Geschenke fehlt eigentlich. Von da an hatte Yonoussi überlegt, was er ihr schenken könnte, etwas, was sie gern hat. Katzen! Athra mag Katzen, sie streichelt immer die von den Nachbarn. Ausserdem habe sie etwas kleines für ihn, hat sie gesagt und ganz geheimnisvoll gelächelt. Katzen sind auch klein, dachte Yonoussi.

Manchmal, sagt Athra, ist mein Yussi ganz ein lieber, verstehen Sie?

Yonoussi ist empört über die Leute im Bus. Sie gaffen. Es geht sie nichts an, was da draussen passiert. Die Polizei ist schliesslich da. Yonoussi hat gelernt, dass man sich bei der Polizei nicht einmischen sollte. Das hat die Polizei nicht gern und er hat die Polizei auch nicht gern. Sie macht ihm Angst. Wenn die Polizei da ist, sind Sirenen nicht weit. Yonoussi blickt trotzdem in die Richtung, in die alle Leute blicken und sieht das silberne Auto.

Manchmal, sagt Athra, merkt mein Yussi nicht, was passiert, verstehen Sie?

Yonoussi steht auf und schaut den silbernen Ford an. Yonoussi steigt ganz ruhig aus, Limmatplatz, zwei Haltestellen zu früh, es ist 20.53 Uhr, und läuft quer über die Strasse. Er hört, wie ein Polizist etwas zu ihm sagt, aber er achtet nicht auf ihn. Yonoussi umklammert den Griff seiner weissen Plastiktüte. Darin liegt die hölzerne Katze, er will sie nicht verlieren. Irgendwo hört er Sirenen, aber er rennt nicht, er läuft ganz langsam.

Manchmal, sagt Athra, muss sich jemand um meinen Yussi kümmern, verstehen Sie?

Yonoussi geht zum Wagenfenster, ganz verformt ist das Blech und Glassplitter knirschen unter seinen Schuhen. Ein Arzt steht beim Auto und sagt etwas zu Younoussi, aber er hört ihn nicht. Und Athra ist auch da. Sie ist merkwürdig verformt und sie flüstert mit dem Arzt, aber der tut nichts, sondern hört ihr nur zu und Yonoussi schaut auf ihre weisse Bluse und ihr Gesicht hat die gleiche Farbe.

Yussi, mein Lieber.
Yonoussi sagt nichts.

Ein Metallteil hat sich quer durch ihre Brust gebohrt, es ist scharf und rissig und Athra sitzt ganz still da und atmet immer schneller und hält sich die Hände vor den Bauch.

Athra, ich habe dir ein Geschenk, sagt Younoussi.
Athra, ich habe es dir geschnitzt, sagt Younoussi.
Athra, zwei Wochen habe ich daran gehabt, sagt Yonoussi.
Athra, gell, du magst Katzen, sagt Yonoussi.

Yussi, du Lieber.

Und als sich Yonoussi plötzlich hinsetzen muss, einfach auf die Strasse, ganz schlecht ist ihm, da überlegt er, dass, wenn er jetzt noch ein paar Minuten warten würde, dass dann der Bus Nr. 32 um exakt 21.12 Uhr am Limmatplatz abfahren würden, vorausgesetzt er hätte keine Verspätung, und Yonoussi mag Verspätungen nicht.

Yonoussi sitzt da und überlegt und wiegt seinen Kopf hin und her. Und die Sirenen hören auf zu heulen.

Monday, February 09, 2009

Warten

"Berlin. Mit einem Eildekret hat Generalsekretär Gortz den Bundestag dazu veranlasst, in einer Sondersitzung über das..." Ich drehe das Radio leiser, Drehrad oben links. Meine Mutter klappert in der Küche, es riecht nach Bregenwurst, es muss Donnerstag sein, Bregenwurst mit Grünkohl. Im Treppenhaus schimpft die alte Oltmanns vom 2. Stock. Sie schimpft immer, wenn sie einkaufen war. Sie schimpft auch, wenn sie nicht einkaufen war. Schnaubt und schleppt ihre Tüten, voll mit Frischbackbrötchen, die Stufen hoch.


Meine Mutter summt leise. Der Grünkohl blubbert. Ich streiche einen der braunen Vorhänge zur Seite, um auf den Kinderspielplatz zu schauen. Er liegt direkt neben den Betonplatten, die einen nassen Sandkasten abdecken, eine Schaukel hat es da und ein Klettergerüst. Es ist leer.


"Was haben die da eben im Radio gesagt?" - "Nichts, Mutter, das übliche Gerede." Ich blicke auf den Parkplatz, Nr. 12 haben wir, darauf steht mein Opel. Alt, aber er tuts noch. "Du hättest dir ein schöneres Hemd anziehen können, Junge" - "Ich weiss, Mutter." Ich schaue zur Türe, zum Kalender mit dem Bild von einem Fischer, irgendwo, schön, mit Sonne und ein bisschen Hafen. Am Schlüsselbrett neben der Türe ist ein Haken frei. "Er hat dich schon eine Weile nicht mehr gesehen, und du weisst ja wie er ist." - "Ja, Mutter."


Draussen knarzen die Stufen, ein Stiefel wischt sich den Dreck auf der Fussmatte ab. Ich erwische mich dabei, wie ich wegschaue, auf das Klatschheft vor mir, neben der Zuckerdose aus Porzellan. "Endlich: Sie hats getan", steht da in grellen Lettern. Ich knicke eine Seite um, hinten ist das Kreuzworträtsel, und höre wie die Türe aufgeht. Jacke auf die Garderobe, Schal auf die Kommode neben dem Spiegel im Gang, Schlüssel an den Haken. Ich drehe mich um, sehe ihm zu, wie er sein Hemd in die Hose stopft, den Gürtel etwas enger, die Falte sitzt.


Er setzt sich an den Tisch. Er stinkt. Gelbe Finger. Arbeiterfinger. Er trommelt auf die Tischplatte, schaut mich an. "Na?" - "Na." Ich sage nichts mehr. Er auch nicht. Mutter summt nicht mehr. Sie stellt die Pfanne auf den Tisch, sie steht zwischen uns, Oh danke, du Mauer. Wir essen schweigend, nur zwischenzeitlich sagt Mutter etwas, über das Wetter, die verdammten Kommunisten, oder den Ausverkauf bei Hertie.


"Wann machst du endlich was aus deinem Leben?" Ich weiss, dass die Frage kommt. Ich weiss nur nicht, was ich darauf antworten werde. Vielleicht das übliche. Schulterzucken, ins Essen vertiefen. "Bald." Ich werde "bald, Papa" sagen. Und dann werde ich warten. Warten, bis der Haken am Schlüsselbrett wieder leer ist.

Friday, November 25, 2005